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Inklusion oder Kooperation?

Viele Jahre war ich Klassenlehrerin an einer Förderschule Geistige Entwicklung. Mit einem gut differenzierten Unterricht sollten und sollen, denn die Schule gibt es ja immer noch, die SchülerInnen so gut wie möglich gefördert werden.

Ja aber, werden viele fragen, warum muss es überhaupt Förderschulen geben und warum sondert man Kinder mit besonderem Förderbedarf aus? Im Laufe meiner Berufsjahre setzte sich unser Kollegium natürlich auch mit den Themen Integration, Inklusion und Kooperation auseinander.

Wir fragten uns, ob eine Inklusion  für alle unsere Schüler möglich und sinnvoll wäre. Es gab durchaus gute Argumente, sich gegen Inklusion auszusprechen und eine Beschulung an einer Förderschule zu bevorzugen.

Um die Isolation unserer Schülerschaft aufzubrechen, wagten wir den Versuch einer Kooperationsklasse in einer Grundschule und ich durfte die Klassenlehrerin der ersten Klasse werden.

Kooperation bedeutete enge Zusammenarbeit mit einer anderen ersten Klasse der Grundschule. Das hieß getrennte Klassenräume, aber möglichst viel gemeinsamer Unterricht in den Fächern Sport, Kunst, Textiles Gestalten, Sachkunde, Musik und Hauswirtschaft. Deutsch und Mathematik wurde teils gemeinsam, teils getrennt unterrichtet. Wir Lehrerinnen planten den Unterricht zusammen, wobei ich die Inhalte  für „meine“ SchülerInnen“ so vorbereitete, dass sie möglichst ohne Überforderung am Unterricht teilnehmen konnten. Morgenkreise, Feiern, Ausflüge und Klassenreisen wurden natürlich zusammen durchgeführt.

Das war keine Inklusion. Aber ein erster Schritt der kontinuierlichen Zusammenarbeit zweier unterschiedlicher Schulen. Damals war ich sehr zufrieden mit unseren Erfolgen. Ich denke so gerne an meine Zeit an der Grundschule zurück. Unsere SchülerInnen nahmen sich insbesondere im Verhalten die „normalen“ Kinder zum Vorbild und diese verloren schnell ihre Scheu vor den Anderen. Gegenseitige Besuche unserer Förderschule und der Grundschule wurden in den Unterricht eingeplant und auch andere Klassen nutzten die Gelegenheit, sich kennenzulernen.

Für unsere Schüler war die Kooperation nicht immer leicht zu bewältigen. Ihnen wurde täglich vor Augen geführt, dass sie eben doch anders sind als die Mehrheit. Die SchülerInnen der Grundschule konnten zum Beispiel schon sehr schnell in ihrer Fibel lesen, während sie selbst sich immer noch mit den ersten drei Buchstaben herumärgern mussten. Die anderen hatten schnell Zugang zum Zahlenraum bis Hundert und den vier Rechenoperationen, während unsere sich das Zahlenverständnis bis Zehn hart erarbeiten mussten und über Plus und Minus in den ersten vier Jahren nicht hinaus kamen. Auch das Schreiben fiel schwer und manchmal waren meine SchülerInnen doch sehr verzweifelt, dass sie so viel weniger schafften als die anderen. Ich hatte den Eindruck, dass ein eigener Klassenraum und Rückzugsort für sie sehr wichtig war. Hier konnten sie als Gruppe Druck abbauen, sich gegenseitig Mut machen und sich an ihrem eigenen Leistungsniveau erfreuen.

Kooperationsklassen gibt es heute an zwei Schulen im Landkreis immer noch. Das  Unterrichten hat sich sehr verändert. Ich weiß nicht, wie sich das auf die SchülerInnen der Förderschule auswirkt. Es gibt auch zahlreiche Kinder, die inklusiv beschult werden. Ich kenne sie nicht und kann also nicht sagen, wie sie sich fühlen. Vor einigen Jahren, zu meiner Zeit als Lehrerin, fand ich das gemeinsame Unterrichten von Kooperationsklassen ideal für unsere SchülerInnen. Ich war damals der Ansicht, dass einige Kinder und Jugendliche den geschützten Raum unserer Förderschule dringend brauchten. Sie wären in einer Inklusion oder Kooperation überfordert gewesen.

Im Schulwesen spiegelt sich das gesellschaftliche Leben wieder. Den GrundschülerInnen war bewusst, dass sie in allen Leistungen die besseren waren. Das drückten sie auch sehr häufig aus. Wir sind alle so erzogen und geben das Denken an unsere Kinder weiter. Wir müssen noch viel ändern. Ich ärgere mich zum Beispiel seit immer über die Zeitung, die über Tage zuerst die Abiturienten würdigt, dann die Abschlüsse der Real- und Hauptschulen (Oberschulen heißen die jetzt), dann der Berufsschulen und meist nach den Ferien werden die Abschlüsse unserer Förderschule erwähnt. Das wäre so leicht zu ändern……

In einem nächsten Beitrag werde ich Euch von Unterrichtsinhalten erzählen, die meinen SchülerInnnen das „Anderssein “ erleichtern sollten. Denn: Wir sind ja alle irgendwie anders, oder?

 

 

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7 Kommentare zu „Inklusion oder Kooperation?

  1. Ich war schon immer der Meinung, dass durch die per Gesetz verordnete Inklusion es auf beiden Seiten nur Verlierer geben kann. Der Ansatz der Kooperation zweier Klassen gefällt mir sehr gut. Gemeinsam singen, musizieren, Sport treiben, malen usw. Theater spielen und dergleichen finde ich gut. Aber rechnen, schreiben, lesen gehört nach meiner Meinung in gesonderte Klassen.

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  2. Ein anregender Beitrag. Ich musste viel an meine Teilnehmenden denken…. ich unterrichte Erwachsenen Deutsch. Viele von ihnen waren nie oder nur wenige Jahre in der Schule. Ihre Schritte sind klein im Verhältnis zu Schulgewohnten, aber ihr Einsatz und Wille verdienen Achtung. Sie würden auch auf der letzten Zeitungsseite stehen, dabei haben sie unglaublich viel geleistet.
    Liebe Grüße. Priska

    Gefällt 3 Personen

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