Das trifft den Punkt

Hallo Sandra und Lea,
ihr habt über Facebook um Meinungen, Sichtweisen und Problematiken zu Begegnungen von gehandicapten und nicht-gehandicapten Menschen gebeten.
Ich finde grundsätzlich alles gut, was hilft, Barrieren zwischen den Menschen wenigstens ein bisschen abzubauen, deswegen gebe ich gerne meinen Senf dazu.
Zunächst ein paar Sätze zu meiner Person:
Ich selber habe nichts von dem, was sich als Handicap einordnen ließe. Habe aber regelmäßig mit betroffenen Leuten zu tun. 1987, also vor sehr sehr langer Zeit, habe ich meinen Zivildienst gemacht und dabei zum ersten Mal mit diesem Personenkreis zu tun gehabt. Danach habe ich eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger absolviert und arbeite bis heute in dem Beruf. Dabei habe ich überwiegend mit Leuten mit sogenannten „geistigen Behinderungen“ und psychischen Erkrankungen zu tun.
 
Nach meiner persönlichen Einschätzung, sind „geistig behinderte“ Menschen oft noch stärker benachteiligt, werden noch rabiater diskriminiert, als Leute mit „normalen“, körperlichen Behinderungen. (Aber das ist nur mein persönlicher Eindruck)
Immerhin gilt von alters her „dumm“ als Beleidigung, kaum einem Normalbürger ist klar, dass eine Menge „dummer“ Menschen über eine große soziale Intelligenz, oder über viel Charme oder Herz verfügen. Und es gab und gibt eine Menge Leute mit hohen kognitiven Fähigkeiten, die einfach bloß Arschlöcher sind. (Entschuldigt meine unfeine Ausdrucksweise, aber das passt gerade so schön.)
 
Aber auch eine „geistig behinderte“ Person, die weder charmant noch sozial ist, ist ein ebenso wertvoller und wichtiger Mensch, wie das Genie von nebenan, mit großem Herz und sozialem Engagement.
 
 
Nun werde ich einfach auf Eure Fragen antworten.
 
Was gibt es aus deiner Sicht für Vorurteile?
 
Ich glaube, eines der häufigsten Vorurteile gegen behinderte Menschen ist, dass sie immer und rund um die Uhr, ihr Leben lang mit ihrer Behinderung beschäftigt sind, dass sie im Grunde nichts anderes tun, als darunter zu leiden.
 
 
Was hemmt die Menschen oder auch dich selbst deiner Meinung nach im Umgang mit Menschen mit Handicap?
 
Ich glaube, viele Hemmungen oder merkwürdige Verhaltensweisen von „nicht-behinderten“ Leuten werden durch die vorherrschende Entfremdung verursacht. Es gibt zu wenig Kontakt zwischen Leuten mit und ohne „Handicap“. Wie oft sehen wir behinderte Leute am Sonntagabend im Tatort? Wie oft abends in der Kneipe? Wie oft treffen wir sie im Sportverein oder am Stammtisch?
„Die Behinderten“ sehen für viele Leute komisch aus, sie bewegen sich merkwürdig, reden merkwürdig und geben einfach ein ungewohntes Bild. Da wissen viele Menschen nicht, wohin sie schauen sollen, ob und wie sie helfen wollen, was sie tun und was sie lassen sollen.
Beide Seiten müssen sich gegenseitig kennenlernen, sollten keine exotischen Wesen bleiben.
Behinderte Menschen sollten im öffentlichen Leben deutlicher und vor allem selbstverständlicher zu sehen sein. Sie sollten auch in Kunst und Kultur nicht länger fehlen, sie sollten nicht bloß  Nebenrollen besetzen, nein, sie sollten viel öfter „die erste Geige spielen“.
Aus diesen Gründen habe ich einen Krimi geschrieben, in dem eine „geistig behinderte“ Frau die Hauptperson spielt und den Mörder entlarvt. („Esther ermittelt“, erschienen bei BoD, ISBN 978 373 924 365 8)  Von solchen Dingen brauchen wir mehr, viel mehr.
 
Mein Appell an Menschen mit Behinderungen: Geht an die Öffentlichkeit, zeigt euch, macht Kunst und Kultur und natürlich Politik.
 
 
Wie siehst du als gehandicapter Mensch die Fußgänger oder andersrum?
 
Ich nehme an, Rollstuhlfahrer sind ziemlich in der Gesellschaft angekommen. Das kann ich allerdings nicht so richtig beurteilen, denn ich kenne tatsächlich keinen einzigen Rollstuhlfahrer näher. Die Barrieren an die sie stoßen sind, glaube ich, meistens eher technischer Natur. Schätzungsweise wird ein Rollstuhlfahrer, der „ansonsten normal“ wirkt, kaum von Personen diskriminiert. Vermutlich sind aber viele Leute noch immer etwas verlegen und unsicher im direkten Umgang.
Aber viele äußere Umständen haben immer noch diskriminierende Auswirkungen (zu hohe Bordsteinkanten, fehlende Rampen, Kopfsteinpflaster etc.).
Natürlich ist es die Aufgabe der Gesellschaft, diese Barrieren so weit wie möglich auszuräumen.
 
Was sollte sich im Verhalten der Läufer/Handicapler ändern?
 
Es ist immer gut, wenn Leute miteinander reden, wenn etwas nicht klar ist. Fußgänger sollten einfach mal nachfragen, ob Hilfe gewünscht oder gebraucht wird. Und beide Seiten sollten sich gegenseitig ernst nehmen. Und dieses „ernst nehmen“ ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt. Zumindest Menschen mit „geistigen Behinderungen“ werden oft verniedlicht. Da gibt es dann so Sprüche: „Ich liebe Leute mit Down-Syndrom, die sind so süß und herzlich, dass ich sie den ganzen Tag knuddeln könnte.“ Oder so ekelhafte, „positive“ Vorurteile wie: „Die süßen Schnullis, die empfinden so ehrlich, sie sind so offen und herzlich. Da können wir Nicht-behinderten noch viel von lernen.“
Ekelhaft.
 
Besser miteinander, als übereinander reden!

Fussi (Andreas Mundt)

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