Durch das Schicksal

Nicht nur in meinem Beruf treffe ich auf die verschiedensten Menschen, u. a. Menschen mit Behinderung. Zu Anfang, als ich neu anfing und niemand mein „Leben“ dort kannte, sagte eine liebe Kollegin zu mir: „Wow, wie kannst du einfach so, so schön mit diesem Menschen umgehen?“ – Ich bin mit einem Menschen mit Behinderung groß geworden, für mich ist es mit das Normalste der Welt.
Damals im November, vor mittlerweile 12 Jahren, fiel meine Oma vor der Arztpraxis in sich zusammen. Zweifache Reanimation. Wochenlanges Koma. Das Ende bzw. der Anfang: Eine abgestorbene Gehirnhälfte, körperliche, sprachlich und geistige Einschränkung. Wird sie ein ewiger Pflegefall bleiben, wird sie jemals wieder Laufen, Sprechen, Essen, etc. lernen?
Für mich ist es normal sie im Rollstuhl umher zu fahren, ihr das Essen kleinzuschneiden, ihr das Oberteil abzutupfen, wenn sie sich vollgekleckert hat. Die Menschen drum herum kommen nicht immer ganz darauf klar. Mitleidige Blicke. Abwertende Blicke, wenn wieder Essen auf dem Boden gelandet ist. „Schau mal, das junge Mädel schiebt die Frau im Rollstuhl umher“. Andere weichen den Blicken sofort aus, schauen auf die Seite, als würden sie einfach wegschauen können. Man gewöhnt sich daran. Auch meine Oma hat sich irgendwann daran gewöhnt. Anfangs hat sie viel geweint. Wollte nicht nach draußen gehen. Hat sich für sich selbst geschämt. All ihre Leidenschaft musste sie niederlegen. Die Gartenarbeit, das Zeichnen, das Kochen. Es geht nicht mehr. „Was redet man denn mit der? Deine Oma ist ja behindert“. – Na und? Ist die deswegen kein Mensch?
Wenn man mit einem Menschen im Rollstuhl unterwegs ist, fällt einem auch erst auf, wie behindertenunfreundlich die Welt teilweise noch ist. Öffentliche Toiletten werden in den Keller verband. Manche Restaurants oder Cafes sind nur über eine Erhöhung zu erreichen. Die Fahrt mit der Bahn sind in manchen „Ausführungen“ auch nicht möglich – schmales Treppchen nach oben. Nicht an allen Bahnhöfen etc. sind Aufzüge verfügbar. Geschäfte sind zu schmal um mit einem Rollstuhl hineinzufahren um neue Klamotten zu kaufen.
Menschen mit Behinderung können nicht immer so normal am öffentlichen Leben teilnehmen, wie sie es vielleicht tun möchten. Der „gesunde“ Mensch erschwert es ihnen, vielleicht auch unbewusst. Doch ein Mensch mit Behinderung ist genauso ein Mensch. Ein Mensch, mit dem man lachen kann. Ein Mensch mit dem man streiten kann. Ein Mensch, der seine liebenwürdigen und seine schlechten Seiten hat. Sie beissen nicht, wenn man einen Schritt auf sie zu machen. Sie werden es genauso dankend annehmen, wie ein „gesunder“ Mensch, der es sich wünscht, geliebt zu werden.
Manchmal frage ich mich auch, ob es einfacher wäre, wenn meine Oma noch gesund wäre. Es wäre sicherlich einfacher, doch nun ist es so wie es ist. Sie muss gebadet werden, ihre Wohnung muss geputzt werden, ihr Essen muss gekocht werden, ihre Wäsche muss gewaschen werden und manchmal hat man das Gefühl ein kleines Kind dabei zu haben, zwecks Essen oder wickeln, etc. Aber sie ist nicht weniger sie, sie ist immer noch der Mensch mit den Werten, wie vor diesem einen Tag im November vor zwölf Jahren.
Beitrag von  regenbogenleben
 Fussi

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